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no brain, no pain …

Nachdem ich vor ein paar Wochen meinen Schreibtisch von der weißgrauen Wand ans Fenster platziert habe, glaubte ich dadurch doch tatsächlich nicht nur eine Raumverbesseränderung, sondern auch einen Motivationsschub herbeigeführt zu haben. Aber so einfach ist das Umwandeln von kinetischer in innerer Energie nicht.

Um eine Reform oder besser: eine dauerhafte Verschiebung der Psyche durchsetzen zu können, braucht es vermutlich mehr als so ein naives Tische- und Stühlerücken. Nichtsdestoweniger sitze ich jetzt hier, an diesem erschreckend aufgeräumten Schreibtisch (nur diese zwei seit Jahren rücksichtslos vor sich hingammelnden LindtOsterhasen, die mir als Talismane dienen, trügen die Idylle) und fühle mich, wie eigentlich immer (wann dieser Prozess eingesetzt hat, kann oder will ich nicht mehr rekonstruieren) fehlbesetzt.

Ich habe das Gefühl, dass ich hier einfach nicht hingehöre, so wie ich nirgendwo beheimatet bin. Vielleicht war ich es ja mal. Im sogenannten Familienschoß geborgen, also in scheinbarer Sicherheit, die dann Risse bekam und irgendwann so durchlässig wurde, dass sie sich Bahn brechen konnte.

Auch mein neues Notebook (fehlende Lüftungsstörgeräusche und eine größere Screen ändern nichts an meiner mentalen Tastensperre) hilft kaum. Das Keypad blickt mich in seiner ganzen Schwärze an und ich versuche dieser oft  als Nötigung empfundenen Situation auszuweichen, indem ich meine Augen aufs Fenster, also aufs äußere Spielfeld verlagere: auf mein halbsichtbares Balkongeländer, das sich dahinter befindende Solarzellendach des dem Gebäudekomplex angegliederten Nebenhauses, dann die gegenüberliegende Backsteinfassade, im Hintergrund ein Himmel, der mir immer apokalyptischer vorkommt.

Ich spüre, wie ich mich mehr und mehr in der Vergangenheit verankere: ich denke an Menschen, die ich oder die mich verlassen habe/n, verlassen musste/n (wann darf oder muss man jemanden gehen lassen?), an Menschen, denen ich gerne näher gekommen wäre, aber die Umstände oder was auch immer es nicht zuließen… und eben somit etwas Unvergessliches, Unvergessbares bekommen, sich eben wegen dieser Abwesenheit einen festen Platz in meinem Kopf/ Herz sichern können. Keine echten Abschiede, aber auch keine wirkliche Möglichkeit des Kennenlernens. Offene Gräber und Bahnhöfe mit kaputten Anzeigetafeln.

Ja und der Herbst schleicht sich langsam an und ich weiß absolut nicht, wie ich ihn diesmal bewältigen kann. Am besten in einem PerpetuumMobile:Modus, also im fortwährenden Stadium materieller Ablenkung (mein Plan der Dematerialisierung  sollte dringend modifiziert werden). Vor ein paar Tagen bin ich einem Typen mit einem Spruch-T-Shirt begegnet, auf dem bildzeitungsgroß  no brain, no pain stand. Auch wenn er es sicher irgendwie anders gemeint hat, würde ich diesen Zustand gerne erreichen: nicht unbedingt Gedankenlosigkeit, aber dafür umso mehr Gedankenleere … einen Zustand entkernter Ruhe.

Was mich in diesem Zusammenhang (auch wenn er sehr makaber ist, leider) äußerst betroffen macht, ist der wahrscheinlich einsetzende, gehirntumorbedingte Gedächtnis- und Wortverlust von Wolfgang Herrndorf, dessen Bücher ich zwar nicht ganz verstanden habe (den Hype um Tschick und Sand konnte ich auch nie richtig nachvollziehen: besonders beim letztgenannten Buch habe ich mich oft im Sand der Handlung verweht gefühlt, kann aber auch an meiner mangelnden Intelligenz oder besser: Lesekompetenz gelegen haben), der aber durch seinen Blog sofort meine vollste Sympathie gewinnen konnte: fast jeder Satz findet sein emotionales Ziel. Nichts ist dort aufgesetzt gefällig, auf ein Publikum ausgerichtet, sondern von entgegengesetzter Authentizität; Notizen an sich selbst, an seine Allernächsten. Tragisch, dass dies in Zukunft immer schwerer für ihn zu werden scheint.

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Über midlifelover

.....++++***** ??? !!!

2 Antworten zu “no brain, no pain …

  1. Das Verstummen Herrndorfs verfolge ich ebenso mit großem Kummer. Sein Blog ist wirklich bewegend.

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