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The ballad of Adam and Eve [Only Lovers Left Alive: Review]

 

 

Am Anfang war das Wort und das Wort war sinister.

Gleich danach kam Jim Jarmusch. Und seine Version von Endzeit-Adam und Eves, zwei sich der anderen Gattung, den „Normalsterblichen“,  angepassten Vampire, die Blut (weitestgehend) nicht mehr (aus)saugen, sondern wohldosiert aus Trinkgläsern (oder wie Eis am Stiel) goutieren (als Hauptquelle dient die Blutbank eines Krankenhauses; komisch-traurige Beschaffungskriminalität:Sequenzen). Das einzige Vampir-Klischee (außer man zählt das ebenfalls im Film auftauchende, aber doch eher angedeutete, übersteuertes Reaktionsvermögen dazu), das noch in die Jarmusch-Welt übernommen wurde, ist die edle Blässe dieser lichtscheuen Spezies. Sie bevorzugen Autofahrten und Spaziergänge durch nächtlich, prä:apokalyptisch verlassene Städte (Detroit, später auch Tanger), fast schon eine sehnsuchtsreiche Never:Ending:SightseeingTour (Jack Whites Geburtshaus: eine dieser vielen typischen Jarmusch-Anspielungen). Alles wie eine symphonische Klammer von einem gitarren:lastigen Soundteppich zusammengehalten, der ähnliche hypnotische Qualitäten wie Cliff Martinez‘ Drive-Komposition entwickelt.

Eine Story, die sich im Grunde genommen nur auf zwei Akteure konzentriert: Adam und Eve. Lovers… and too long-lived vampires.

Tilda Swinton (Eve) und Tom Hiddleston (Adam),  die sich in ihrer Rolle als Langzeitehepaar hervorragend ergänzen. Nicht zu vergessen  Mia Wasikowska und John Hurt , die aber beide einen (leider) etwas kurzen Auftritt haben.

Jedenfalls war sinister, nicht dunkel oder etwa düster, ein Begriff, der mir sofort dazu einfiel, und mich gleichzeitig an meinen ersten Jarmusch-Film erinnerte: Night on Earth (1991), der schon im Titel einiges verrät: auch hier sind es (hauptsächlich) Paar-Geschichten, also 2 Menschen, die Taxi fahrend und sich dabei (bevorzugt mit dem cab driver) unterhaltend durch nächtliche Großstädte bewegen. Ein herausragender Ensemblefilm, der viele der späteren Jarmusch-Ingredienzen beinhaltet: Musik als zweite Handlungsebene, skurrile Figuren und ein leicht verzögerter, narrativer Stil. Was bereits hier augenscheinlich wird: die Welt:Fremde, das Ent:rücktsein und die daraus resultierende Einsamkeit
(Only Lovers Left Alive hätte  auch Only Lovers Left Alone heißen können) und der unterkühlte, kluge Humor, der niemals aufdringlich oder erzwungen wirkt.

Noch etwas, das (mir zum ersten Mal) aufällt: die Detailraffiniertheit gewisser Szenen: Eve, die für eine Reise statt Kleidung ausschließlich  Bücher in Koffern packt, dabei wie zufällig gewisse, originalsprachliche Exemplare (u.a. Infinite Jest von D.F. Wallace,  de Cervantes‘ Don QuijoteVoyages et aventures du capitaine Hatteras von Jules Verne und ein Basquiat-Bildbandaufschlägt, und liebevoll-wissend mit ihren Fingern über einzelne Seiten fährt, so als wolle sie sich bereits bekannte Texte erneut verinnerlichen.

Jarmusch hat mit  Only Lovers Left Alive sein eigenes Genre weiter perfektioniert und mit diesem Film ein Werk geschaffen, das auf verschiedenen Ebenen funktioniert: als Anti-Vampir-Film, als kulturelle Referenz,  Schwanengesang einer dem Aussterben bedrohten Art oder letzten, langen Tanz zweier Ewig:Melancholiker.

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Über midlifelover

.....++++***** ??? !!!

4 Antworten zu “The ballad of Adam and Eve [Only Lovers Left Alive: Review]

  1. ER.GO

    Ich finde die Vergleiche schön die du bringst. Drive kann ich nachvollziehen und Night on Earth wird jetzt nicht mehr lange auf sich warten lassen. Es interessiert mich was Jarmusch sonst so produziert und was so „typisch Jarmusch“ ist.

    Schöne Besprechung insgesamt und schön dass wir es beide geschafft haben. 🙂

    • Danke!

      Ich bin gespannt, wie du Night on Earth findest.

      Ja, ich finde es auch gut, dass wir praktisch zeitgleich eine Review posten konnten und dass uns der Film ja beide in ähnlicher Weise begeistern konnte.

  2. Gut hingeschaut, gut aufgeschrieben – macht Lust, den Film selbst zu sehen. Ist auf der must-see-Liste. Dankeschön!

    • Danke.

      Ich hoffe, du bereust es nicht (es gibt ja Leute, die Jarmusch nicht ausstehen können, vor allem wegen der atmosphärischen „Düsternis“ in seinen Filmen und weil er ohne ausufernde Schnitttechnik arbeitet, also unsere Blicke verlangsamt).

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