autumn leaves (one) …

Wie Herbstlaub blätterten mir die Briefe und Karten aus dem lang ungeöffneten Postfach entgegen. Und so vielfältig auch deren Färbung. Von weiß bis braun und erwartungsgemäß auch ein paar gelbe waren dabei.

Jetzt stecken sie in einer ReWePlastikTüte. Das wäre die nächste Aufgabe. Den Inhalt der Tüte nach und nach zu sichten…oder wenigstens irgendwie zu ordnen.

Aber ich habe mir zumindest vorgenommen, jetzt täglich meinen Briefkasten zu leeren.

Ein kleiner Schritt. Mehr kann ich momentan nicht gehen.

Und immer immer diese im Nacken sitzende Angst, das bald alles vorbei sein könnte… Stakkato, ad infinitum.

Morgen werde ich jedenfalls erstmal ein paar Tage bei meinen Kindern sein. Vielleicht dort etwas Ruhe finden. Meine Gedanken werden erwartungsgemäß woanders sein.

Ein Bild, das vor meinem Auge auftaucht, und das ich so gar nicht mehr wegdenken kann: eine Guillotine. Ein rasiermesserscharfes Fallbeil, das über meinem Kopf angebracht ist, und mich  jeden Moment enthaupten könnte.

Herbst ist sowieso meine unliebsten Jahreszeit. Im Herbst war ich zu oft allein. Wenn ich zurückdenke, war es wirklich so: ich hatte (nach der Trennung) immer nur Frühlings- und Sommerbeziehungen. Nie länger als 3 Monate. Also eigentlich Affären, einsame Flirts. Teilzeitbeziehungen, die mich jedes Mal noch trauriger, auch irritierter zurückgelassen haben.

Ich mag mag den Herbst nicht. Die einsetzende Kälte, die sich nach und nach in den Körper frisst. In sich versunkene Gestalten, die mit eingezogenen Köpfen wie Geister einer fremden Welt an mir vorübergehen.

Keine aufgeschminkte Idylle. Keine Romantik.

An hellen, sonnigen Tagen kann ich diese Stimmung auch ertragen. Manchmal sogar genießen. Allein genießen. Bis jetzt…

Und die Frage: Wer werde ich nach diesem Herbst sein? Wie wird mich dieser Herbst verändern? Oder werde ich ihn umwandeln können?

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the day after tomorrow …

Der Titel ist unbewusst richtig gewählt. Nachdem ich eben gegooglet habe und in meinem eigenen Gedächtnis geforscht, fiel es mir wieder ein:  einer der großen Katastrophenfilme.

Wie groß bei mir die Katastrophe sein wird, lässt sich noch gar nicht so abschätzen. Aber ich will heute mal von etwas anderem reden.  Und das Wort Katastrophe durch das Wort Krise ersetzen. Ja, das würde meinem  Zustand näherkommen und wäre vielleicht auch verharmlosender  angemessener als diese gestern verbreitete fatalistische Endzeiteuphorie.  Heute geht es mir zumindest besser. Ich habe wieder etwas mehr Zuversicht. Obwohl mein Leben weiterhin in gewissen Punkten reinem Imrovisationsgeschick unterliegt.

Der Tag, die Nacht …

Es ist so viel passiert, dass ich wieder  nicht weiß, wo ich genau anfangen soll. Eine Chronologie der Ereignisse zu erstellen würde mir schwer fallen.  Es sind aquarellartige Übergänge. Ja, ich mag diese Vorstellung, das alles in- und übereinander fließt, alles irgendwo verbunden ist, keine räumlichen und vor allem keine emotionalen  Grenzen existieren.

Gestern war ich am Boden zerstört. Der klassische DramaKing. Heute bin ich etwas gelassener. Natürlich ist da noch das Wissen des latent finaziellen Bankrotts, aber wäre die Liebe nicht …

Kann sein, dass es ein naiver Gedanke ist, der sich da bei mir gebildet hat, aber so bin ich nun mal. Love conquers all. Vielleicht sogar eine typische WassermannEigenschaft… dieser unverholene Optimismus.

Liza und ich haben gestern lange telefoniert. Wie eigentlich jeden Abend. Die Zeit fliegt dahin, und wir wundern uns dann immer, wie spät es geworden ist. Irgendwie schaffen wir es jedes Mal E.s‘ Relativitätstheorie zu widerlegen…

Gestern haben wir uns über viele Dinge unterhalten:  unter anderem über Prokrastination, also dem Aufschieben von Dingen. Wichtigen Dingen, und die damit verbundene Angst und Scham. Liza hat mir nochmal die Mechanismen verdeutlicht. Und wir haben ein bisschen Ursachenforschung betrieben.  Die Wurzeln liegen wahrscheinlich in der Kindheit ( der Klassiker schlechthin, ich weiß), bei meiner perfektionistischen Mutter, die ein genauso perfektionistisches Ebenbild (also mich) erschaffen wollte.

Mea culpa: ich bin ein chronisch kranker Aufschieber. Morgen werde ich das erste Mal seit Monaten meinen Briefkasten leeren. Das hört sich jetzt grotesk an.  Etwas, das ein normaler Mensch ja fast regelmäßig (wenn nicht sogar täglich macht). Ich allerdings muss allen Mut der Welt zusammen nehmen, um diese eigentlich recht einfache Handlung durchzuführen. Wenn ich daran denke, kriege ich jetzt schon Panik. Aber es hilft nichts. Ich muss es tun. Ich muss mich ändern. Muss meine Angst überwinden, winzige Schritte in Richtung „Normalität“ gehen. 

Und ich gehe sie nicht allein. Diesmal weiß ich, dass Liza bei mir sein wird. Wenn auch unsichtbar hinter mir stehen wird, und mir helfen wird. Meine zitternde Hand halten wird, ihre Hand auf meiner pochenden Brust legen wird.

[Drama King and Beauty Queen ♥ ]

Hm, Bokevo war ein weiteres Thema zwischen uns. Ich finde, Liza hat sie mit nur ein paar Worten sehr bezeichnend umrissen: “ Sie erkämpft sich ihr Glück“.  Ja, genauso habe ich Bokevo kennen gelernt. Als Kämpferin, verzweifelt und dennoch stark.  Gegen alle temporären, dauerhaften, all in one: hartnäckigen Dämonen. Irgendwie kann ich es gar noch gar nicht glauben, wie sie innerhalb so kurzer Zeit über sich selbst hinauswachsen konnte. Mit den sich überschlagenden Ereignissen Schritt halten konnte. Und nun auch eine gereifte „Bokevo“ ist. Sie hat mir mal  geschrieben: „Bokevo gibt es  nicht mehr!“ Das war kurz nach ihrem Rausschmiss aus der Kanzlei. Noch in den ersten paar Tagen. Damals war ich irritiert. Und mir auch nicht der Tragweite ihrer Worte bewusst. Sie sicher auch nicht. Aber wenn ich das alles so rekapituliere, weiß ich, dass sie Recht hatte. Ihr Unbewusstes hat ihr da schon einen wichtigen Hinweis geliefert: es ist vorbei, endgültig. Das Leben, das dadurch eine gnadenlose und nervenaufreibende Richtungsänderung erfuhr. Ein sich über Wochen hinziehende Zerreißprobe. Und letzten Endes war es Bokevo allein, die diese Aufgabe bewältigt hat. Die für ihren Traum gekämpft hat. Irgendwie habe ich dabei immer an eine Schnellgeburt gedacht. Ein paar Wochen schwanger sein, ein paar kräftige Wehen, eine schmerzvolle Sturzgeburt und dann innerhalb von Minuten erleichtert das Baby an die Brust legen. Das ist das, was sie geschafft hat. Ein Marathon in Rekordzeit. Fast ohne fremde Hilfe. Aber am Ziel ist sie leider immer noch nicht ganz. Aber wer ist das schon ?

„Wenn man am Ziel ist, ist man am Ende.“

Bokevo hat auch mal einen großartigen Satz gesagt, den ich nur noch ungefähr im Kopf habe. Dass ich keine Angst haben müsse, dass sie mich jemals verlassen würde, und dass überhaupt sie immer diejenige gewesen sei, die verlassen wurde…

Auch wenn wir nicht mehr diesen engen Kontakt haben,  es nur noch etappenweise schaffen, miteinander zu kommunizieren: Du wirst immer ‚da sein‘. Ich halte dir immer einen Platz neben mir frei.

Der Tag, die Nacht…

Und dann waren da noch meine stillgelegten Altblogs: midlifelover und powerstation, die ich selbst schon lange nicht mehr besucht hatte. Die inzwischen zu meiner Vergangenheit gehören. Und ich merke, dass ich kein Interesse habe, in diesem eigenen  Tageblog zu blättern. Erstaunlich müssen auch die ersten Einträge sein. Vage Versuche, etwas zu schreiben.

Und schließlich unterhielten wir uns noch über Reinhold. Auch er ein großer, und irgendwie stiller, begnadeter Kämpfer. Ich musste ihm heute Nacht eine mail schreiben. Es ist nur eine winzige Geste, ihm zu zeigen: hey, ich hab dich nicht vergessen.

Ein paar Stunden später kommt dann seine Antwort. Jedes Mal, wenn er (zurück)schreibt, zwingt er mich damit sanft in die Knie. Erstens ist es ein sehr magischer Moment, zu wissen, dass er in England sitzt und ich hier. Und zweitens ist er jemand, der nicht gerne schreibt. Obwohl er schreiben kann. Er hat mal einen Gastbeitrag in meinem alten Blog verfasst.

Ich kann die Situation noch genau vor mir sehen. Reinhold an meinem Schreibtisch. Wie er mühsam versucht hat, etwas zu tippen. Und es war genau richtig. Er hat genau die richtigen Worte gefunden. Seine Worte. So wie dieses Mal auch. Um zu wissen, wer er ist, braucht man einfach nur ein paar Originalsätze von ihm zu lesen:

„Hi Frank,

danke fuer deinen Brief.

Ich sitze gerade wieder im Cafe Capri, gehoere mitlerweile zur morgentichenStammbelegung. Einmal habe ich schon meinen GruenenTee serviert bekommen ohne ihn zu bestellen. Das ist bei vielen Stammkunden so ueblich. Die meisten kommen zum Zeitung lesen. Ich sitze hier immer mit meinem Laptop, ueberbruecke die Zeit bis die Stadtbibliothek aufmacht, was heisst ueberbruecke, ich checke emails, ein paar Webseiten und beginne dann an meinem Uniprojekt zu arbeiten. Gut dass ich das Capri nochmal rekapituliere, es ist naemlich heute mein letzter Tag hier, ich fahre heute Abend ab nach Kent. 

T. ist ganz gut drauf. Mizzolino werde ich hoffe ich morgen wiedersehen.

 Alles gute, ich wuensche dir eine schoene Zeit mit Liza.

Und danke fuer den Blog.

Cheers, Reinhold“

Hm, Reinhold weiß es nun also auch. Inzwischen wissen es fast alle „wichtigen“ Personen, dass ich mit Liza zusammen bin…

Unfassbar, das Ganze …