cher[r]ish …

Irgendwann setzt sich die Welt nur noch aus den Farben Rot, Grün und Blau zusammen. Und nach 2 intensiven Wochenend-Tagen, die man mit Pflücken und Nichtpflücken reifer, sehr reifer, aufgeplatzter, blassroter, zu kleiner (nicht in die genossenschaftlich-vorgeschriebenen Formate der Sortierschablone passenden) und prächtiger, übergroßer Kirschen verbringt, ist (fast) Alles noch ein bisschen röter, runder und egaler. Das Universum schrumpft zu einer kleinen, kernhaltigen Masse. Man is(s)t so unglaublich vertieft. Das teilweise Schweigen der Anderen (Erntehelfer/Freunde/family members) passt sich der eigenen Gedankenleere an, kollektive Entspannungstherapie quasi, die nur vom Summen gieriger Insekten begleitet wird. 35° Celsius and more. Aber wozu gibt es Sonnenspray (sic!) und gekühltes bis lauwarmes Mineralwasser. Und so pflückt und flieht man … bis man so durchmeditiert ist, dass einem der Schweiß aus allen Poren bricht. Und es Zeit wird, aus der senkrechten Haltung (meist gestreckter Haltung, weil man ja auch an die höchstgewachsenen Früchte will; Hilfsmittel: 4 bis 5 Meter hohe Alu-Leitern, aber so todesmutig war ich dann doch nicht) in eine horizontale Lage wechseln will, also entweder Hängematte oder Freibad (seit gefühlt 3 Jahren wieder in einem öffentlichen Swimmingpool zu sein, ist ein historisch zweifelhafter Moment) …

Ein paar (Handy)Fotos, die aufgrund schlechter Qualität nur Beweischarakter haben: das letzte Bild stellt tatsächlich ein Zwergkaninchen dar, das nur den Eindruck erweckt, friedlich vor sich hin zu mümmeln, in Wirklichkeit aber genauso lebhaft wie streichelzart war:


IMG_20150705_092712
IMG_20150705_092755 IMG_20150705_092810 IMG_20150705_092939 IMG_20150705_093044 IMG_20150705_093200 IMG_20150705_152742 IMG_20150705_152758 IMG_20150705_152807 IMG_20150705_153136 IMG_20150705_153115 IMG_20150705_153154 IMG_20150705_193419 IMG_20150705_205557

Advertisements

all you can art …

Diesmal war unser Team Ausrichter der einmonatlichen Hunger Games. 

Wie gewohnt bekam ich schon während der Vorbereitung (der beim gemeinsamen Einkauf anfing und irgendwo beim Käseplattengarnieren aufhörte) das Große Kotzen. Besonders würgen musste ich, als der Ex-Metzger aus unserem Team damit begann, Kunstwerke aus Wurst zu gestalten. Salami, gekochter Schicken, Mortadella, keine Ahnung, da ich mich in dem Metier ja zum Glück nicht auskenne, über 3 Kilo Fleisch wurden zu mehreren babylonischen, auf sechs oder sieben Platten verteilten Fetischen verwurstet. Am schlimmsten der MettIgel, der wie ein geschertes Schwein mit  nachgewachsenen Riesenborsten (im Original: längliche, in diesen Mettteig eingesteckte Zwiebelscheiben) aussah: groß, fett, wirtschaftswunder:trächtig. Unabhängig davon bekam ich bei jedem noch so kleinen Essenspartikel akuten Brechreiz, also auch bei Tiernebenprodukten (Quark und Käse).

Egal.

Jedenfalls war es auch der Ex-Metzger, der den obligatorischen 15-Minuten-Vortrag hielt. Erst rezitierte er ein paar müde, längst bekannte Anekdoten, dann ging er nahtlos zu seinem Hobby über (kein Witz!): dem Bemalen von Tierknochen, bevorzugt Schweineknochen („Schäufele“), er nennt es Kunst, ich nenne es versuchte Körperverletzung. Auch das erste Mal, dass ich so etwas wie Mitleid mit Kunstwerken hatte. „Im Dezember fliege ich nach Afrika, da suche ich mir dann Elefantenknochen aus.“

Er las vom Blatt ab, schraubte dabei seine Stimme tiefer, sprach theatralisch langsam, dehnte bestimmte Wörter und unterlegte seine an die Wand gebeamten Folien mit WagnerMusik ( Tannhäuser ?). Eine selbstgerechte  One-Man-Show, die bei mir einen ernsten, gerade noch zu unterdrückenden, öffentlichen Lachflash auslöste. Nicht nur, dass ich extrem selten lache, sondern auch, dass ich sichtbare Gefühlsregungen in public vermeide.

Und im Nachhinein weiß ich nicht, was entlarvender war: dieser Vortrag oder meine Entgleisung. Am Schluss haben alle applaudiert und sich aufs Essen gestürzt:

business as usual. 

 

fragments of a psychaotic lifestyle …

Und dann liegen wir quer auf ihrem krankenhausähnlichen Bett. Unterhalten uns. Es geht um ihn. Es geht eigentlich immer um ihn. Sie vergöttert und verteufelt R., borderlinetypisch (sagt sie).  Zwischen unserem Schweigen merke ich, wie hinreißend und zerbrechlich sie aussieht.

Wir essen BestellPizza. Sie vegan, ich mit Mozzarella.  “ Mist. Ich hab dich gar nicht gefragt, ob du mal probieren wolltest.“ „Ich esse ja eh nur aus Solidarität mit.“ „Okaaaay…“

Der Balkon im 3. Stock ist selbstmordabgesichert. So ein komisches, wahrscheinlich extra für solche Gebäude konstruiertes Drahtgitter vor der Brüstung. Ich starre auf die  rautenförmigen Verstrebungsmuster, bis mir tendenziell schlecht wird.

Wochenendausgang: entweder 12 ganze oder gesplittete 6 Stunden. Da sie neu auf der Station ist und daher noch keinen entsprechenden Antrag bei der zuständigen Ärztin stellen konnte,  überlegt sie, wie wir unerlaubter Weise das Gelände verlassen können. Sie wird emotional immer verzweifelter, ich versuche rational dagegen zu argumentieren.

Wir werden uns einig: ein 15minütiger Geländegang, um Atem und neue Gedanken zu holen. A  walk through the Menschenpark.

Sie schreibt ihren Namen in das Austragsbuch:  eine vertrauensvoll selbst zu protokollierende Fußfessel. Nobody gets lost … und doch sind alle so schrecklich verirrt. 

Vorherbst: Dunkle Wolken und Regenschauer vereiteln die trügerisch schöne Idylle.

Horrorfilme gucken ist verboten. Ich habe Final Destination 4 mitgebracht. Nach knapp drei Minuten Spielzeit bricht ihr Notebook:Player unreparierbar zusammen: Fatal Destination.

Wir setzen unsere der DVDBox beigelegten 3DBrillen wieder ab. Sah sowieso total lächerlich aus.

Kurz nach 18.00 Uhr. Ein leerer Essenssaal. Nur sie und ich. Das hat was von einer funeral party, auf der wir zu spät aufkreuzen. Sie isst, ich gucke zu: Dinner for one.

Same procedure, andere Station: Medikamentenausgabe. Alle etwas sediert, auch The Nursing Staff.

Gruppendramatik: Die zu Medikamentierenden kennen sich oft besser als die MedikamentenGeberInnen aus. Verstärkter Erklärungsbedarf bei gleichem Wirkstoff, aber anderem Verpackungs- und Pillendesign.

Die professionelle Verrücktheit des Pflegepersonals im unbeholfenen Wahnsinn der Bewohner widergespiegelt zu finden.

Everyone is possible.

Am Ende eine freundschaftliche Umarmung.  Für mich der seit über einer Woche erste, körperliche Kontakt.

 

dis.or[ient]ation …

Arbeit ist anstrengend. Nicht_Arbeit auch. Weil ES aufrechterhalten werden muss, um jeden Preis. Mit ES ist alles gemeint, was mich in dem derzeitigen grenzwertigen, aber synchronisierten Zustand halten kann. Ich versuche enthaltsam zu sein, esse wenig, und immer das Gleiche (Gurken, Frischkäse, Vanille/Erdbeer/Ananas.Kokos-FruchtQuark), stelle mich in unregelmäßigen Abständen auf die Waage und feiere mich ungläubig selbst. Das letzte Mal (vor ca. 2 Wochen) waren es 65,3 kg. Und musste mich gleich mich einer Fressattake (Haribos und Schoc!kolade) belohnen. Seitdem stopfe ich alles, was sich hier finden lässt, in mich hinein, verdünne mein schlechtes Gewissen mit Unmengen black tea,  meide jede weitere Vermessung meines Körpers.

Meine Vereinsamung schreitet voran. Obwohl es Stunden gibt, in denen ich freundschaftlich vernetzt  etwas wie ein „So-könnte-es-also-sein“ spüre.

Wir sprechen viel. Und schweigen, wenn es zu viel wird. Stille fällt von den Bäumen. In der Sonne glänzen ihre frischen Narben, sie lacht, moi aussi. Wir sprechen über Normalität und Krankheit. Stundenlang. Immer wieder ein Begriff, der mir durch den Kopf schießt und den ich nicht auszusprechen wage, weil er so falsch und dann doch so richtig wäre: Menschenzoo. Ich, der Beobachter. Ich, der beobachtet werde. Ein klar umrissenes Terrain, in dem jede/r zur Ruhe kommen und  sein verstörtes Ich improvisieren kann. Ein Menschenspielezoo.

Wir sitzen auf einer Bank, sprechen, schweigen. Dann im Gras. Ich behaupte, dass sie eindeutig offener sei als ich. Ich oft nur zuhöre.

 

Sie lächelt, Dann stillschweigen wir.

Am Ende eine Umarmung, die sich wie ein Abschied anfühlt.