DAS LEBEN

Er vertrieb sich ein bisschen die Zeit,

zeichnete eine Vase,

zeichnete in der Vase eine Blume,

und Duft stieg aus dem Papier:

Er zeichnete ein Glas Wasser,

trank einen Schluck

und goss die Blume.

Er zeichnete ein Zimmer,

stellte ins Zimmer ein Bett

und schlief ein.

Und als er erwachte,

zeichnete er ein Meer,

ein tiefes Meer

und ertrank.

Wadi Saadah

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herbstzeitlos …

andersartig angeraut

wie jedes jahr

blattgrau für die trauernden

grelle sonnenblätter für die,

die noch lieben wollen

 

und überall

 

steifbittere fäulnis, die sich

als  einsamkeit  tarnt:

 

bis ins letzte herz

rollt sich

unbehagen ein

schlägt

den wurzelkragen hoch

 

malt einen feuchten engel auf

betoniertem schnee

mit rückgebildeten flügeln

als einzig bleibende blasphemie

 

für den nächsten herbst.

literally literature …

Hinter der Wand

Ich hänge als Schnee von den Zweigen
in den Frühling des Tals,
als kalte Quelle treibe ich im Wind, feucht fall ich in die Blüten
als ein Tropfen,
um den sie faulen
wie um einen Sumpf.
Ich bin das Immerzu-ans-Sterben-Denken.

Ich fliege, denn ich kann nicht ruhig gehen,
durch aller Himmel sichere Gebäude
und stürze Pfeiler um und höhle Mauern.
Ich warne, denn ich kann des Nachts nicht schlafen,
die anderen mit des Meeres fernem Rauschen.
Ich steige in den Mund der Wasserfälle,
und von den Bergen lös ich polterndes Geröll.

Ich bin der großen Weltangst Kind,
die in den Frieden und die Freude hängt
wie Glockenschläge in des Tages Schreiten
und wie die Sense in den weiten Acker.

Ich bin das Immerzu-ans-Sterben-Denken.

[Ingeborg Bachmann]

 

unter den wellen ist etwas

Wie einsam wir uns fühlen können, wie einsam und klein, wenn eine Zeit vergeht und eine Berührung auch. Eine Nichtigkeit und ein Glas Wein, zwischen den Wellen schluckst du Salzwasser und vielleicht ja auch einen Einsiedlerkrebs. Er könnte sich zu dem Einsiedler in deinem Herzen gesellen, das könnte die Einsamkeit vertreiben und die Angst mitunter, die Angst vor dir selbst und den Menschen und diesen Wirrnissen, die sich an dir festsetzen wie Algen. Die Sonne brennt erbarmungslos, aber sie bleicht deine Gedanken nicht aus und hinter den Gläsern deiner Sonnenbrille sieht man die Tränen nicht, das ist gut so, denn das offene Meer ist nichts für schwache Menschen; du schwimmst und es ist mühsam, du lässt dich treiben und fürchtest dich, du tauchst und willst nie wieder auftauchen. Dort unten ist es still, nur das Knistern kleiner Tiere hält dich wach und deine Lungen, die dich an die Oberfläche treiben, immer wieder, ob du willst oder nicht, so schwach bist du und die Brandung spült dich an Land und mit dir deine Träume und deine Nöte und dieses kleine Mädchen, das du nicht sein willst, es weint.

[via fruehlingsmaedchen.de]

 

 

Je m’appelle Ivan

I am alone         I am a real bear        with a head full of
hazard and light           I live in nature            live with no
friends         and no equity         who needs it        I have
my face        I have my hands        which are as I speak
mauling the air            one time I took a trip              I lay
horizontal on a marvelous raft                      I did look up
regard the blank stars      and accept them as holes in
the frame          one time I ran so fast          I left my own
self behind                my own self wandered into an old
birch        and it fell over            I have no escrow          O
bees thou sweet kingdom of noise                  I worship
freely               I pee on the leaves               and the wind
impulses right through me        like a small clean rock
all I want is the fish to glow at night                        when
everyone on earth is trying to reach me                 hello
yes     hello      this never happens       yet other events
go on and on         the dimming of the moon          I am
upright         I am lumbering        alone with no liquidity
and I live on berries          deliver me berries       if later
on you glide          into these wild and wilder woods

[a poem written by Heather Christle]

 

 

[ the blog: www.tattoolit.com]

die unser/schicht

reflexive schatten: das wir

diesmal nur einen fingerbreit

darunter: asche, die du dir immer wieder

du kannst gar nicht anders,

du musst, sage ich

irgendwo ein celan-gedicht

dessen anfang dir im gedächtnis hängt

wie eine zittrige spinne.

und wenn du es anhebst

und auch ich: unter dieser

torfschicht: das nichts.

 

entsetzt klappen die

erinnerungen zu:

reißende blicke

mit allzu geweiteter pupille.

im basement

ein drogentraktat, endlich

die chance einer organspende:

freiwillig, das herz

das kannst du haben

und du:

nicht mal geschenkt

und ich:

es kostet nur unsere liebe

und sie:

die nie wa/h/r

und er:

du bist berechnend

und sie [ein unstimmiger chor militanter rechthaber]:

tot, ohne schlechtes gewissen.